25.10.2014Grußwort von VERENA BENTELE, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen

Sonderveranstaltung der POLIO Selbsthilfe e.V. in Bielefeld anläßlich des Weltpoliotages 2014

Bielefeld, 25. Oktober 2014

Verena Bentele, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, hat den Organisatoren und Teilnehmern der heutigen Veranstaltung in Bielefeld ihr persönliches Grußwort entrichtet, in dem sie das außerordentliche Engagement der POLIO Selbsthilfe e.V. würdigt. Den vollständigen Wortlaut lesen Sie bitte hier.

"Sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
sehr geehrte Frau Rengis,
liebe Aktive der POLIO-Selbsthilfe,

herzlichen Dank für die Einladung zu Ihrer Veranstaltung anlässlich des Weltpoliotages. Auch wenn ich nicht persönlich dabei sein kann, liegt mir das Thema am Herzen und ich freue mich, ein Grußwort an Sie richten zu dürfen.

Die Krankheit Poliomyelitis - besser bekannt als sogenannte Kinderlähmung - galt lange Zeit als besiegt. Der entsprechende Eintrag im Impfausweis war zumindest in Deutschland so selbstverständlich, dass viele in meiner Generation keine Vorstellung von der Krankheit haben. Es ist jedoch keine Neuigkeit, dass seit einiger Zeit in vielen Regionen und Ländern eine zunehmende Impfmüdigkeit zu beobachten ist. Das, was nicht bekannt ist, erzeugt auch keine Angst mehr, eine Impfung erscheint vielen überflüssig. Dabei wird häufig vergessen, dass die Gefahr besonders in Zeiten zunehmender weltweiter Mobilität durchaus noch existiert, denn nicht in allen Ländern wird flächendeckend geimpft. Aus diesem Grund ist die Arbeit der POLIO-Selbsthilfe so wichtig: Ihr kontinuierlicher und beharrlicher Einsatz sorgt dafür, dass dieses Thema wieder mehr Aufmerksamkeit bekommt. Die Öffentlichkeit, besonders Ärzte, müssen wieder sensibilisiert werden. Eltern müssen systematisch informiert werden. Vorsorge ist besser als Nachsorge.

Wir dürfen aber auch nicht die Menschen vergessen, die sich noch vor der Einführung der staatlichen Impfkampagne in den 1960er-Jahren mit dem Virus infizierten. Zwar können sie eine lange Zeit beschwerdefrei leben, aber viele von ihnen erkranken nach Jahren am sogenannten Post-Polio-Syndrom, das eine starke Einschränkung der Bewegungsfähigkeit zur Folge hat. Unsere Gesellschaft trägt für diese Menschen und ihre besonderen Bedürfnisse Verantwortung. Viele von ihnen werden noch viel zu häufig von Praxis zu Praxis geschickt, um nach der Ursache für ihre Erkrankung zu suchen. Denn vielen Ärzten ist die Krankheit noch immer unbekannt oder die Diagnostik erscheint zu aufwändig. Hier muss dringend Abhilfe geschaffen werden.

Auch müssen die Betroffenen - und dies gilt für alle Menschen mit Behinderungen - die Möglichkeit haben, mit ihrer Krankheit am Leben in unserer Gesellschaft selbstverständlich teilhaben zu können. Die UN-Behindertenrechtskonvention, seit 2009 in Deutschland in Kraft, verpflichtet dazu, diese Teilhabe sicherzustellen. Voraussetzung für die Umsetzung ist jedoch, dass beispielsweise Leistungen zur medizinischen Rehabilitation, zur Teilhabe am Arbeitsleben und zum Leben in der Gemeinschaft möglichst abgestimmt aufeinander erfolgen. Zuständigkeiten zwischen den Leistungsträgern müssen eindeutig geklärt sein, Kooperationen vereinbart und die einzelnen Maßnahmen verzahnt werden. Menschen müssen ohne bürokratische Umwege die für sie maßgeschneiderte Unterstützung erhalten. Das kann natürlich nur in einem System funktionieren, in dem die Eingliederungshilfe nicht in der Sozialhilfe verortet ist. Behinderung und Sozialhilfe haben nichts miteinander zu tun, deswegen müssen Teilhabeleistungen im SGB IX verankert werden. Dieses Thema wird eines der Schwerpunktthemen meiner Amtszeit sein - es gibt also noch viel zu tun!

Ich möchte mich bei Ihnen für Ihre Arbeit bedanken. Es braucht Menschen wie Sie, die wenn nötig immer wieder den Finger in die Wunde legen und Impulse geben. Die deutlich machen, wo wir als Gesamt-Gesellschaft genauer hinschauen müssen. Für ihre Veranstaltung aus Anlass des Weltpoliotages am 28. Oktober 2014 wünsche ich Ihnen ein gutes Gelingen und regen Austausch.

Mit den besten Grüßen

Ihre Verena Bentele
Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen.

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