Post-Polio-SyndromPost-Polio-Syndrom und Stress

Autor: Dr. med. Peter Brauer


Das Post-Polio-Syndrom (PPS) zwingt den krankheitsbewusst lebenden Patienten zur Gratwanderung zwischen einer ausreichenden, die Mobilität wie allgemeine Befindlichkeit erhaltenden und einer überfordernden, die Mobilität wie allgemeine Befindlichkeit zunehmend einschränkenden Belastung. Das System des körperlichen wie seelischen Halte- und Bewegungsapparates unterliegt einer niedriger als beim Gesunden anzusetzenden Toleranzschwelle gegenüber Störeinflüssen.

Daraus ergibt sich die Frage, inwieweit PPS-Symptome Ursache und / oder Ergebnis von Stress sind, wenn darunter die Umschaltung des Organismus von sogenannter normaler auf erhöhte bis höchste Leistungsbereitschaft als Reaktion auf eine über das durchschnittliche Maß hinausgehende körperliche sowie seelische Belastung zu verstehen ist. Dieser Vorgang beinhaltet eine neurohormonal gesteuerte Energieverschiebung von der Erholungs- auf die Leistungsseite. (4)

Nach WITTIG-GOETZ und RUNDNAGEL wirken die Stressoren über die mentale, die emotional-soziale und die physische Ebene und sind überwiegend psychische Stressoren. (5)

Leben ist an ein trainierendes Minimum von Stress gebunden, das der Existenzerhaltung in Form von Entwicklung und Erhaltung eines ausreichenden Reaktions und Bewältigungsvermögens bezüglich Belastung dient. Dieser Zustand betrifft den gesamten Organismus in allen seinen Leistungen. Stress ist Anspannung, ist Leben auf einem energetisch höheren Niveau und bedarf zu seiner Erhaltung entsprechender Entspannungsphasen, des Stressabbaues. Dauerstress führt zu Verschleiß von Struktur und Funktion und macht krank.

In Bezug auf das Post-Polio-Syndrom ist vom Distress die Rede, dem Stress, der das individuelle Bewältigungsvermögen überschreitet, nicht harmonisch aufgelöst werden kann und damit zu gesundheitlichen Folgeschäden führt. Die Grenze zwischen Eustress und Distress ist fließend.

Für Post-Polio-Patienten kann Eustress nicht selten schon Distress sein.

Betrachten wir unter diesem Aspekt die Entwicklung des Polio-Patienten über den Post-Polio-Patienten zum Post-Polio-Syndrom-Patienten. Im Sinne der vorgenannten Stressdefinition ist die Polio-Erkrankung wie jede andere Erkrankung als Stressor (Stress 1) anzusehen. Der Gesundungsprozess geht mit einen verzögerten Stressabbau einher, begleitet von einem weiteren Stressor (Stress 2), dem in der Vergangenheit mangels besseren Wissens üblichen rehabilitativen physischen wie psychischen Gewalttraining.

Der Stressabbau (Stress 1) gelingt je nach Restitutionsmöglichkeit entsprechend dem gesetzten Schaden teilweise bis mehr oder weniger vollkommen erst in einem größeren Zeitraum. Nun beginnt gleichzeitig die Auseinandersetzung mit den restierenden Folgeschäden und den damit verbundenen körperlichen, seelischen und sozialen Defiziten als neuem Stressor (Stress 3). Sie führt je nach Verdrängungsvermögen zu einem graduell unterschiedlichen Stressabbau (Stress 3). Bei größeren Folgeschäden gelingt das im Einzelfall nicht. Letzteres mündet in einen Dauerstress. 5 bis 50 Jahre später tritt, oft kaum merklich, ein weiterer Stressor (Stress 4) in Form des Post-Polio-Syndroms auf.

Stressminderung (Stress 4) führen, in der Regel wegen Fortbestehens mit Problemausweitung und Akzeptanzmangel, jedoch nicht zum Stressabbau. Hinzu kommen im engeren sozialen Umfeld Unkenntnis und Inakzeptanz bezüglich PPS als zusätzlicher Stressor (Stress 5). Dieser Stress wird selten abgebaut. Erschwerend wirkt sich aus, dass der Patient aus eigenem Antrieb im Einklang mit den, wie wir heute wissen, falschen Forderungen des Umfeldes in Unkenntnis der kausalen Problematik zur Verstärkung dieser Entwicklung beiträgt.

Der PPS-Patient weist hierbei noch eine entscheidende Besonderheit gegenüber Gesunden auf: Er agiert nach Überstehen der Polioerkrankung im körperlichen und nicht selten auch im seelischen Bereich zeit seines Lebens gleich einem Leistungssportler immer an der Grenze seiner Kraftreserven. Er wird somit sein eigener Stressor in einer selbstverständlichen Reaktion auf das Ersthandicap Polio, in Fehlanwendung auf das Zweithandicap PPS.

Der Abbau von Stress 5 scheitert wesentlich an den aufwändigen diagnostischen und den eingeschränkten therapeutischen Möglichkeiten. Verstärkt wird diese Tendenz durch ein mangelhaftes bis völlig unzureichendes Sozialverhalten des erweiterten sozialen Umfeldes von Therapeuten, Behörden und Arbeitgebern bzw. Arbeitskollegen als Stress 6. Das Repertoire reicht von Ignoranz über Diskreditierung bis hin zum Mobbing. Erstaunlich ist, wie normal sachlich im Vergleich zum sozialen Umfeld dabei der PPS-Patient überwiegend bleibt. Er stößt erneut an seine Grenzen, hat meistens keine Erklärung dafür, soll sein Unvermögen jedoch anderen plausibel machen.

Im Stadium des Post-Polio-Syndroms ballt sich die poliobezogene Stressbelastung zusammen. Die meistens über Jahrzehnte eingeübte Stresskompensation verhindert anscheinend weitgehend eine stressbedingte Dekompensation, stellt aber einen nicht zu unterschätzenden Kraftakt dar, der neben der durchschnittlichen Stressverarbeitung eines Gesunden vollbracht wird.

Diese Betrachtung geht mit der Aussage von BRUNO konform, dass es zwei Quellenfür den Stress von Post-Polio-Patienten zu geben scheint:

  1. die durchgemachte Polioerkrankung,
  2. das Post-Polio-Syndrom.

Er stellt fest, emotionaler Stress ist die zweithäufigste Ursache für PPS Symptome. Damit betrachtet er ihn als behandelbaren Auslöser von PPS. Psychischer Stress als Ursache von PPS basiert nach seiner Meinung häufig auf dem Verlust funktioneller Fähigkeiten in den Bereichen von Arbeit und Sozialisation einschließlich Familienleben und auf dem wirklichen oder vermeintlichen Verlust der Kontrolle über das PPS Geschehen.(1)

BRUNO und FRICK diskutieren die Möglichkeit, dass stressinduzierte Immunsuppression bei Typ-A-Verhalten zu höherer Polioinfektionsanfälligkeit führt oder das Typ-A-Verhalten eine erworbeneDurchsetzungsstrategie, d. h. auch bei der effektiven Stressverarbeitung in einer Welt voller Hemmnisse, Vorurteile und Inakzeptanzist. (2) In einer jüngeren Arbeit favorisiert BRUNO die zweite Version. (1)

Stress als Verursacher von PPS wird von drei Säulen getragen:

  1. Die Anzahl der allgemeinen Stressoren ist um die poliobezogenen Stressoren vermehrt und überschreitet damit eher die Kompensationskapazität.
  2. Die allgemeinen und poliobezogenenStressoren treffen auf eine vorgeschädigte Übermittlungs- und Zielstruktur (Funktionskomplex aus Nerven, Muskelnund Hormondrüsen) mit einem ungleich höheren Dekompensationsrisiko als ohne Vorschaden.
  3. PPS wird zum Selbststressor. Nach BODIAN sind alle Poliomyelitisfälle enzephalitisch, auch die nicht paralytischen.(3) Neurohistopathologisch und radiografisch (MRT) wurden Läsionen im Zwischenhirn, Mittelhirn, Hinterhirn, Nachhirn und den motorischen und prämotorischen Arealen des Großhirns gefunden.(3)

    Damit ist das stressregelnde System von Hypothalamus, Hypophysenvorderlappen und Nebennierenrinde empfindlich getroffen. Durch die Polioerkrankung außerdem zahlenmäßig stark reduzierte und zum Teil stark vorgeschädigte Motoneuronen sind weitere Wegbereiter einer stressbedingten PPS-Entwicklung. Der Stress kann zudem kräftiger durchschlagen, weil auch das Stressbremssystem (ACTH) von der Hirnschädigung betroffen ist. (1)

    Post-Polio-Patienten verfügen trotz der erheblichen physischen Vorschäden über ein erstaunliches Stressbewältigungsvermögen. Bei der Empfehlung einer psychologisch-psychotherapeutischen Begleitung erscheint deshalb eine besondere Zurückhaltung angebracht. Nach neueren Erkenntnissen birgt sie durch Problemerhellung ein verstärktes Stressrisiko im Sinne einer Retraumatisierung. Bei einer Erkrankung wie Poliomyelitis, die massiv in das Nervensystem eingreift, ist aufgrund der zentralen Stellung dieses Regulationsorgans mit seinen vielschichtigen Angriffs- und Vernetzungspunkten auch mit einer multiplen Symptomatik zurechnen.

    Wir wissen immer noch viel zu wenig über seine Funktionsstruktur, um leichtfertig kausale Denkansätze zur Erklärung des PPS in Frage zu stellen. Es gibt eine Vielzahl von Daten über das Gesamtbild der Poliomyelitis bis hin zum Post-Polio-Syndrom, die vielerorts, auch in Deutschland, noch keinen Eingang in medizinisches Denken und Handeln gefunden haben.

Interessierten wird empfohlen, die Originalliteratur zu lesen, da in diesem Rahmen nur ein schlaglichtartiger Kurzabriss möglich war.

Festzuhalten bleibt: PPS ist Stressfolge und Stressursache zugleich. Das wichtigste Fazit für das Post-Polio-Syndrom ist eine Vermeidung von Stress!


Literatur

(1) Bruno, R. L.: Emotional Stress in Polio Survivors and Post-Polio Sequelae,Internet 03/2003; Post-PolioSequelae Monograph Series,
Vol. 9

(2), Hackensack: Harvest Press, 1999(2) Bruno, R. L. and N. M. Frick: Stressand „Type A“ Behaviour as Precipitants of Post-Polio Sequelae,Internet 03/2003; Harvest CentersPost-Polio Library

(3) Bruno, R. L., N. M. Frick and J. Cohan:Polioencephalitis, Stress andthe Ethiology of Post-Polio Sequelae;Orthopedics, 1991; 14 (11);1269-1276

(4) Mayer, K. C.: Was passiert biologischbei einer Angstattacke oderauch allgemein im Stress? Internet 04/2003; www.neuro24.de

(5) Wittig-Goetz, U. und R. Rundnagel: Psychische Belastungen undStress; Internet 04/2003; www.sozialnetz-hessen.de


Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Kategorie: Wissen

Stichwörter: PPS Selbsthilfe