Post-Polio-SyndromDas Messer ist nicht so scharf, wenn ...

Von T. Jupp und R. L. Bruno


Viele Poliobetroffene haben Probleme während eines geplanten chirurgischen Eingriffs gehabt.

Einige wachten erst nach drei Tagen auf, in der Intensivpflegestation, und später, als nach dem kleinen Eingriff zu erwarten gewesen wäre. Besondere Betreuung für Polios, die eine Narkose (Anästhesie) brauchen ist wohl speziell empfohlen, doch man vergisst sie oft, wenn eine Operation bevorsteht, vielfach in der Meinung, dass die Ärzte darüber orientiert seien.

Oft wird dies auch gesagt, doch empfiehlt es sich, die folgenden Zusammenstellung den Ärzten, den Anästhesisten und dem Pflegepersonal vorzulegen.

Merke

  1. Polios erschöpfen sich doppelt so schnell wie Nicht-Polios.
  2. Polios brauchen doppelt so lange für die postoperative Erholung.
  3. Polios brauchen keine (oder beschränkt) Muskelentspannungsmittel/-relaxantien.
  4. Polios brauchen weniger Narkosemittel/Anästhetika.
  5. Vor der Operation sollte eine vollständige Untersuchung des Nervensystems und der Atmung
  6. durchgeführt werden.

Atmung

Unabhängig davon, ob Sie Atemprobleme hatten oder nicht in der Polio-Akutphase, sollten Sie sich von einem Atmungsspezialisten (Pneumologen), der eine Ahnung oder ein Wissen über Poliokomplikationen hat, untersuchen lassen. Polios mit einer Lungenfunktion unter 70 % benötigen möglicherweise eine lange Beatmung, da sich die Atmung langsamer als erwartet erholt.

Dies trifft vor allem zu bei Muskelschwäche im Hals-, Arm-, Brust- und Bauchdeckenbereich und - möglicherweise unbewusst - vor allem im Zwerchfellbereich.

Allgemeine Anästhesie, Vollnarkose

Polios sind äußerst empfindlich gegenüber Narkosemitteln. Das Poliovirus hat ja in der Akutphase Bereiche im Hirnstamm und im Wachheitszustandszentrum ge-/zerstört, also Bereiche, die das Hirn wach halten.

Dies trifft sowohl bei Polios mit als auch ohne Lähmungen zu. Das heißt: Schon wenig Narkosemittel geht einen langen Weg und verbleibt auch lange.

Operationsvorbereitungsmittel wie Benzodiazepine (z. B. Valium®) u. a. genügen vielfach, um den Schlaf herbeizuführen (bis zu Stunden). Mit intravenöser Narkoseeinleitung (Pentothal) und Narkosegasen schlafen Polios bis tagelang. Die Medikamente werden durch die verminderte Muskulatur nur beschränkt aufgenommen; vielfach wird eine relative Überdosierung beobachtet. Üblicherweise errechnet man die Medikamentendosis nach dem Körpergewicht des Patienten. Wenn aber die geschwundene Muskulatur durch Fettgewebe ersetzt worden ist und die Muskelfasern größer als üblich sind, so entspricht die (verminderte) Möglichkeit der Muskulatur, die (Narkose-)Medikamente zu resorbieren, nicht der gewichtsbezogenen Dosierung.

Dies gilt auch für die Spinal- und Epiduralanästhesie, nicht zuletzt auch für die Infiltrationsanästhesie(n).

Die Zweierregel bei Postpolios Üblicherweise sollte die Medikamentendosis durch zwei geteilt werden. Die Erholungszeit muss zwei Mal so lang berechnet werden.

Die Schmerzbekämpfung wird zwei Mal so lange benötigt.

Die Erholungszeit bis zum (Heim-)Gehvermögen und der Spitalaufenthalt müssen zwei Mal so lang veranlagt werden. Auch die Erholungszeit zu Hause und die Zeit bis zur Wiederaufnahme der Arbeit, auch die Zeit, bis man sich wieder „normal“ fühlt, ist zwei Mal so lang. Man nimmt an (Literatur über Carnitin), dass schwere Krankheiten, Schwangerschaft, Verletzungen (z. B. Knochenbruch) und Operationen Trigger-/Schlüsselereignisse für einen (weiteren) Carnitinmangel sind. Es sind (ja) Faktoren, welche die Poliospätfolgen als solche auslösen oder verstärken.

Der Körper braucht mehr Carnitin.

Carnitin unterstützt dabei auch das angeschlagene Immunsystem. Erholungsphase Polios mit Muskelschwund haben kleinere Blutreserven als bezüglich Gewicht und Blutverlust während der Operation auch noch nach der Operation Probleme schaffen kann. Atropin (oder ähnliche Substanzen), das eine Schleimbildung während der Operation hemmt, lässt auch den Darm und die Verdauung träge werden.

So ist vielfach eine Verstopfung, gelegentlich eine Darmlähmung (Heus) zu beobachten. Weiter bestehende Schmerzen - monatelang weiterbestehend - wurden nach einer perioperativen Muskel- und Bänderüberdehnung beobachtet. Deshalb soll der Poliobetroffene sorgfältig für die Operation gelagert werden (bei Muskelschwund, Sehnenverkürzung, Skoliose etc.) Poliomyelitis verändert auch die Regulation der Körpertemperatur (Bereiche im Hirn, Hirnstamm, Rückenmark und autonomen Nervensystem).

So kann Kälte problematisch werden. Polios erwachen oft aus der Narkose, am ganzen Körper (schmerzhaft) zitternd und fröstelnd. Der Grund ist eine Schädigung der Nerven, die die Blutgefäßmotorik (Verengung / Erweiterung) kontrollieren. Dies bewirkt eine Kälteunverträglichkeit als Zeichen der Polio-Spätfolgen. Während der Narkose können die Nerven gelähmt werden, und die Blutgefäße bleiben erweitert, wodurch die Körperwärme schneller entflieht. Deshalb müssen mehr Decken über den Patienten gebreitet werden - im Erholungs- und Nachsorgeraum. Eine Schädigung / Störung des Hirnstamms kann eine vasovagale Synkope (Ohnmacht)und sogar einen kurzen Herzstillstand (mit Neigung zu Bewusstlosigkeit) verursachen, vor allem, wenn der Poliobetroffene Brechreiz hat oder erbrechen muss.

Es ist deshalb wichtig, dass der Narkosearzt die Erbrechensneigung kontrolliert, bevor der Poliobetroffene den Operationsraum zum Nachsorgeraum verlässt. Zu beachten ist auch die Neigung, sich zu verschlucken oder zu ersticken. Auch Polios ohne Schluckschwierigkeiten können Probleme mit dem Hustreflex und mit dem Abhusten von Schleim, mit Schlucken und Verschlucken haben. Deshalb sollten Polios in Seitenlage oder in eine Lage gebracht werden, die das Abfließen (Drainage) von Mundinhalt und Schleim während der Aufwachphase nach der Narkose ermöglicht, und der Betroffene sollte genau beobachtet werden. Polios können doppelt so schmerzempfindlich sein und möglicherweise zu wenig Schmerzlinderung bekommen.

Schmerzmedikamente sollten dem Bedarf des Poliobetroffenen entsprechend gegeben werden, um eine Unter- oder Überdosierung zu vermeiden. Die erhöhte Schmerzempfindlichkeit scheint in Zusammenhang zu stehen mit der Schädigung der körpereigenen (endogenen) opiat-(endorphin-)sezernierenden Zellen im Hirn (paraventrikulärer Hypothalamus und periaquaeduktales Grau) und im Rückenmark (Lamina 11 des dorsalen Rückenmarks). Es besteht eine Tendenz, Patienten relativ rasch nach einer Operation wieder zu entlassen. Auch wenn dies zu begrüßen wäre, weil jede Inaktivität zu einer Fehlfunktion der Polio-Muskulatur führt, besteht die Gefahr,dass sich Polios (noch) nicht ganz von der Narkosewirkung erholt haben. Poliomuskeln können bereits so geschwächt sein, dass eine bewusste Anstrengung nötig ist, um zugehen.

Viele Polios brauchen Trickbewegungen, um gehen zu können. Durch die Operation können diese Mechanismen eingeschränkt werden, Grund für eine vorübergehende ausgeprägtere Bewegungsunfähigkeit. Dies kann sich auch auf die Bewegung / Beweglichkeit im Bett beziehen und Erholungsprozesses. Physiotherapeuten auf die längere Notwendigkeit für Hilfe zum Umdrehen, Aufsitzen, Aufstehen, zu Bett gehen, auf die Toilette gehen und zum Duschen. Das Pflegepersonal und die PhysiotherapeutInnen müssen sich dessen bewusst sein. Für eine gewisse Zeit sind zusätzliche Fortbewegungshilfen erforderlich, und (passive) Physiotherapie vom ersten Tag an ist Bestandteil eines postoperativen sollen sich dabei bewusst sein, dass Postpolio-Muskulatur schneller ermüdet und nur in dem Bereich belastet werden sollte, der das Wohlbefinden des Polios nicht beeinträchtigt. Es gibt Polios, die „verurteilende Ungläubigkeit“ von unerfahrenen Physiotherapeutlnnen hören mussten, wenn sie angaben, eine Bewegung nicht machen zu können, die sie seit jeher nicht machen konnten. Schon nur das Im-Krankenhaus-Sein kann ein Problem für Polios sein. Schlaflosigkeit, Angst, Panik können auftreten, im Zusammenhang mit den psychischen und emotionellen „Narben“ nach dem Spitalaufenthalt in der Akutphase. Polios haben manchmal eine Abneigung gegen Ärzte und Krankenhausmitarbeiter und können schlecht damit umgehen. Das Personal muss sich dieser Verletzlichkeit bewusst sein und sich bemühen, frohgemut, fürsorglich und unterstützend zu sein. Bei der Heimkehr der Polios zwingt sie ihr A-Typ-Verhalten abzuklären, wie sie sich wirklich fühlen, und zwingt sie auch zum Versuch, dort weiterzumachen, wo sie meinen erwartet zu werden. Der Erholungsprozess ist aber verlangsamt, wegen des schnelleren Abbaus von Kondition und Belastbarkeit, und die Müdigkeit tritt schneller ein. Sie sollten ermutigt werden, Dinge langsamer anzugehen, und unterstützt werden durch ein Arztzeugnis, das die Arbeitsunfähigkeit bescheinigt für eine Dauer, die doppelt so lang ist wie sie üblicherweise postoperativ zu erwarten ist.

Eine Studie in 1985 fand heraus, dass emotionaler Stress der zweit häufigst genannte Grund der Polio-Spätfolgen ist (nach der körperlichen Überforderung als Hauptgrund). Eine Operation ist ein sehr starker Stressor.

Polios müssen wegen des chirurgischen Eingriffes und dessen Begleiterscheinungen eine Zunahme der Müdigkeit und Muskelschwäche erwarten.

Der Erholungsprozess wird länger dauern, aber ein gut geplanter Krankenhausaufenthalt mit Unterstützung gut informierter Fachleute (Arzte, Pflegepersonal, Physiotherapeuten etc.) sollte nicht zu einem bleibendem Verlust von Fähigkeiten führen. Es ist die Aufgabe des betroffenen Polios, sich zu versichern, dass die Fachleute, denen er sich anvertraut, gut informiert sind, um sie gut zu begleiten. Patienten resp. Polios haben Rechte heute; sie sollten dies wissen! Wenn Sie Schwierigkeiten haben mit Ärzten und Gesundheitspersonal, die nicht kooperieren wollen: Wechseln sie den Arzt, finden Sie einen Arzt, der mitdenken und -arbeiten will!


Originaltext in Englisch von Tessa Jupp und Dr. med. R.L.Bruno (The knife is not so rough, if...

Preventing complications in polio survivors undergoing surgery - Post Polio Newsletter 8(2):8-9,

1997 // PPS Monograph Series Vol 6(2) Hackensack Harvest Press 1996

Übersetzung von Dr. Thomas Lehmann und erschienen / publiziert in Faire
Face 5/98 1998, der Zeitung der Schweiz. Interessengemeinschaft für Poliomyelitisspätfolgen.


(Publiziert mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber).


Informieren Sie, diskutieren Sie mit:

Check-Liste

1. Chirurg

  • Neurologische und respiratorische Situationserfassung
  • Blutbestellung
  • Längerer Spitalaufenthalt
  • Vorbeugung gegen ein Erbrechen nach der Operation
  • richtige Lagerung auf den / dem Operationstisch
  • Wärmeverlust und Wärme im Operationsraum / Aufwachraum / Erholungsraum
  • Abhustschwäche, ggf. notwendiges Absaugen des Schleims
  • Schmerzmedikamentation nach der Operation
  • Physiotherapie mit Gelenksmobilisation, Kurzstretching und -dehnung
  • Persönliche, individuelle Anleitung und Information des Pflegepersonals

2. Anästhesist

  • Atmungssituation
  • keine Praemedikation
  • wenig / keine Relaxantien, kleine Narkosemitteldosierung
  • evtl. längere Beatmungsnotwendigkeit (Respirator)
  • Postoperatives Vorbeugen von Erbrechen
  • Abhustschwäche, Schleimansammlung, ggf. Absaugen in der Aufwach- / Erholungsphase

3. Pflegepersonal

  • Längere Erholungszeit nach der Narkose
  • Schmerzmittelgabe
  • Mehrhilfe bei Umlagern, Toilette. Duschen
  • weitere Fortbewegungshilfe
  • Anti-Thrombose-Strümpfe?

4. Physiotherapeut / in

  • Plan für postoperative (passive) Physiotherapie und Übungszeit
  • Transferübungen aus / ins Bett
  • Fortbewegungsmöglichkeiten

Kategorie: Wissen

Stichwörter: Operation PPS Selbsthilfe