28.07.2010Post-Polio-Syndrom: Kinderlähmung zum zweiten Mal im Leben?

Bielefeld, 28.07.2010

"Das Post-Polio-Syndrom lehrt uns, dass Poliomyelitisinfektion und Poliomyelitiserkrankung mehr Schäden setzen, als sich aus ihrem klinischen Erscheinungsbild und dem der Primärfolgen ableiten lässt. Es ist nicht heilbar, chronisch progredient, sein Verlauf ist weitgehend schicksalhaft und individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt", bringt Dr. med. Peter Brauer, Mitglied im Ärztlichen Beirat der POLIO Selbsthilfe e. V. die Problematik des Post-Polio-Syndroms auf den Punkt. Bis zu 100.000 Menschen leiden gegenwärtig in Deutschland an den Spätfolgen einer Polio-Erkrankung, seriöse Hochrechnungen gehen von bis zu einer Million Betroffener aus.

Zum zweiten Mal im Leben Kinderlähmung?

Autor: Dr. med. Peter Brauer

Als am 21. Juni 2002 die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Europa für frei von Kinderlähmung (Poliomyelitis, kurz Polio) erklären konnte *, war das zweifellos das erfreuliche Ergebnis einer weltweit erfolgreichen Impfkampagne zur Ausrottung dieser in Deutschland fast vergessenen Erkrankung. Außer den davon ehemals Betroffenen und nicht sehr vielen Ärzten weiß kaum noch jemand genauere Einzelheiten über sie.

Deswegen ist die Überraschung auch groß, wenn Patienten mit einer Polio in ihrer Lebensgeschichte Jahrzehnte später plötzlich neue Beschwerden verspüren, die mit denen der früher durchgemachten Erkrankung oder anderen eine große Ähnlichkeit haben und zu einer scheinbar unaufhaltsamen Verschlechterung des ohnehin oft mehr oder weniger beeinträchtigten Gesundheitszustandes führen. Eine Ursache ist trotz intensiver ärztlicher Bemühungen nicht zu finden. Behandlungsversuche bleiben häufig genug erfolglos und verschlechtern mitunter noch das leiden. So beginnt ein wahrer Irrweg der Betroffenen durch Arztpraxen bei der Suche nach medizinischer Hilfe.

Nerven- und Muskelschäden werden kompensiert - bis das System zusammenbricht

Seit nunmehr gut zwanzig Jahren setzt sich die Erkenntnis langsam durch, daß die Kinderlähmung in den Erholungsprozeß nach der Erkrankung eine nach außen unsichtbare Falle einbaut. Sie stellt das angeschlagene und verminderte Nerven-Muskel-System in einer Weise wieder her, die nach ausreichendem Training eine äußerlich weitgehend normale Funktions- und Belastungsfähigkeit mit weniger Nerven und Muskeln ermöglicht. Diese müssen nun aber aufgrund ihrer Minderzahl im ungünstigsten Fall schon unter Normalbelastung eine bis zu zehnfache Leistung erbringen. Sie arbeiten also viele Jahre und Jahrzehnte immer nahe oder direkt an ihrer Leistungsgrenze. Wenn dann eines Tages Erholungs- und Erneuerungskraft nicht mehr reichen, stellen sich Schmerzen und Erschöpfung als Warnsignale sowie Schwäche, Versagen und Absterben von Nerven und Muskeln als Endzustand ein. Auch wichtige Regulationsfunktionen des Gehirns wie z.B. die der Atmung können betroffen sein, denn die Viren haben dort ebenfalls Schäden verursacht.

Auf diese Weise meldet sich die Kinderlähmung ein zweites Mal in Form eines eigenständigen Krankheitsbildes zurück, welches mit seinen vielen Krankheitszeichen (Symptomen) in dem Gesamtbild Post-Polio-Syndrom (Syndrom = Krankheitszeichengruppe), abgekürzt PPS, zusammengefasst wird. Sein Beginn ist überwiegend unmerklich und wird erst nach Überschreiten einer individuell unterschiedlichen Stärke wahrgenommen. Solange das vom Patienten und / oder Arzt nicht gewusst und berücksichtigt wird, kann kaum wirksame Hilfe geleistet werden. Wenn sich bei gängigen körperlichen und Laboruntersuchungen keine krankhaften Befunde feststellen lassen, wird ärztlicherseits leider nicht selten dem Betroffenen Vortäuschung oder Einbildung von Beschwerden unterstellt und die dringend notwendige Behandlung nicht durchgeführt. Werden die alten Folgen der Kinderlähmung als Ursache angesehen, die neuen also verkannt, muss sich daraus zwangsläufig eine Fehlbehandlung mit möglicherweise fatalen Folgen ergeben.

Zu wenig Wissen - bei Ärzten wie Patienten

Leider wissen sehr viele Menschen nicht, dass sie eine Polio-Erkrankung (Infektion) durchgemacht haben, weil sie ohne oder nur mit völlig uncharakteristischen Krankheitszeichen abgelaufen ist, z. B. wie ein grippaler Infekt. Selbst sie aber können das PPS bekommen, was häufig genug von den Ärzten nicht gewusst wird.

Wer allen diesen Patienten helfen will, sollte über einschlägige Kenntnisse zum PPS verfügen. Das betrifft neben Ärzten verschiedener Fachrichtungen auch die Einrichtungen der Physiotherapie, Orthopädietechnik und, nicht zu vergessen, Versicherungen, Ämter und Behörden.

Bei einer für Deutschland geschätzten Zahl von gegenwärtig bis zu 100.000 an Poliofolgen Leidender - die unerkannten Fälle belaufen sich auf ein Vielfaches davon - ist das bewusste Zusammentreffen mit den Hilfesuchenden für die einzelnen Helfer vom Arzt bis zum nichtmedizinischen Angestellten ein relativ seltenes Ereignis, ein primärer Kenntnismangel diesen also nicht unbedingt anzulasten.

Hier ist die Mithilfe des Patienten gefordert. In seinem ureigensten Interesse sollte er sich über sein Krankheitsbild kundig machen und fachmedizinische Informationen an seinen Arzt usw. weitergeben.

Achtung! Impfen nicht vergessen! Weltweite Reiselust und Wanderungsbewegungen machen den Polio-Impfschutz auch weiterhin notwendig, denn es gibt die Krankheit noch.

 * Anmerk. d. Red.: Mit dem Ausbruch des Poliovirus in Tadschikistan im April 2010 hat Europa den Status der poliofreien Zone wieder verloren. Vgl.: RKI, Epidemiologisches Bulletin 27/2010  

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Dr. med. Peter Brauer ist Mitglied im Ärztlichen Beirat der POLIO-Selbsthilfe e.V.

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