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Differenzial-Ausschluss-Diagnose Post-Polio-Syndrom

Autor: Dr. med. Peter Brauer

Das Post-Polio-Syndrom (PPS) ist die Spätfolgeerkrankung nach einer Polio-Encephalo-Myelitis-Infektion (PMI), nicht nur einer Polio-Encephalo-Myelitis-Erkrankung (PM). Ihre Symptome ähneln oder gleichen denen der PM und einer Reihe anderer Krankheiten, sind also nicht spezifisch. Außerdem gibt es auch kein diagnostisch spezifisches Befundspektrum. Deswegen handelt es sich beim PPS um eine Ausschlussdiagnose. Diese Diagnose wird allerdings infolge mangelnder Kenntnisse bezüglich PMI, PM und PPS äußerst selten gestellt.


Besonders auffallend ist die Diskrepanz nicht nur zwischen der prozentualen Häufigkeit von PPS-Symptomen und ihrer spezifisch poliobezogenen diagnostischen Erhebung bei Polio-Patienten bzw. Polio-Überlebenden, sondern auch zwischen der epidemiologischen Erwartbarkeit und den tatsächlich als Poliospätfolge registrierten Symptomen. Ihre Zahl wird allgemein fälschlicherweise als gering angesehen und fast ausnahmslos in den Bereich der Bedeutungslosigkeit geschoben.

Wenn etwa 28 % aller Polio-Infizierten im Laufe ihres Lebens später ein PPS bekommen, beläuft sich ihre gegenwärtige Zahl für Deutschland auf etwa mindestens 1 Million. Selbst unter den etwa 100 000 noch lebenden, einst nachweislich an einer paralytischen Polio Erkrankten müssen mehr PPS-Fälle zu finden sein, als heutzutage medizinisch erkannt und anerkannt werden. Ein solches Missverhältnis und die symptomatische Überschneidung mit einer Reihe anderer Erkrankungen legen den dringenden Verdacht nahe, dass ein PPS infolge Fehldiagnostik bei eben diesen anderen Diagnosen zu suchen ist. Im Folgenden wird eine dafür charakteristische Auswahl  von ihnen nach Symptom- und Kausalitätsbekanntheit unter diesem Gesichtspunkt betrachtet.

Nachfolgend sollen die Symptome von Post-Polio-Syndrom (PPS), Chronischem Erschöpfungs-Syndrom (CFS), Fibromyalgie-Syndrom (FMS), Schlaf-Apnoe-Syndrom (SAS) und Restless-Legs-Syndrom (RLS) gegenüber gestellt werden.


Charakterisierung der Syndrome nach Bekanntheit der Ursache, Sicherheit der Diagnose und Auftreten der Symptome
  PPS CFS FMS SAS RLS
Ursache unbekannt - + + ? +
Ausschlussdiagnose + + + + +
Symptomvariabilität + + + + +

Trotz zum Teil gegenteiliger Diskussionen mit in sich widersprüchlicher Argumentation kann beim PPS nach allgemeiner Übereinstimmung von einer bekannten Ursache im Sinne eines Absterbens von Nervenzellen infolge chronischer Überlastung ausgegangen werden. Es handelt sich dabei um zahlenmäßig verminderte gesunde und durch Polioviren vorgeschädigte Nervenzellen. Das bedeutet nicht, dass damit auch die zellulären und molekularen Abläufe dieses Vorganges bekannt sind. Außerdem ist in vielen Fällen der Schädigungsbereich im Zentralnervensystem, besonders im Gehirn, nur zu vermuten, nicht jedoch die Tatsache an sich. Das Gehirn ist immer betroffen. Beim SAS ist die ursächliche Zuordnung teilweise möglich, überwiegend nicht sicher, während CFS, FMS und RLS dafür keine fassbaren Anhaltspunkte bieten. Das alles macht sie gemeinsam zur Ausschlussdiagnose. Die Verursachung der Krankheitsbilder schließt eine Vielschichtigkeit nicht aus. Die Veränderlichkeit ihres Erscheinungsbildes durch Wechsel der Symptome nach Zahl, Ort, Ausprägung und Kombination erschwert ihre Definition und Abgrenzung untereinander. Unter diesem Gesichtspunkt schließt kein Syndrom das andere aus und stellt somit Diagnosen immer wieder in Frage. Dabei wird an das Vorkommen des PPS sträflicherweise so gut wie nicht gedacht. Ganz im Gegenteil, die alltägliche Praxis konfrontiert laufend in erheblichem Ausmaß mit Fehldiagnosen bezüglich des PPS.

Im Zusammenhang mit CFS und FMS, auch ME (Myalgische Encephalitis) werden ursächlich auch  Virusinfektionen des Zentralnervensystems diskutiert. Die Spätfolge wird dann als Post-Viral-Syndrom (PVS) bezeichnet. Im Gegensatz zu den anderen Syndromen ist diese für das PPS offensichtlich und plausibel. Aber gerade hier unterliegt diese Annahme immer wieder allergrößten Zweifeln, obwohl epidemiologische Daten der PMI unübersehbar dafür sprechen. Die Charaktere der Syndrome kommen an der Erkenntnis einer grundlegenden Hirnbeteiligung wie beim PPS nicht vorbei. Das kann ohne Bedenken auf SAS (mit Einschränkung), CFS, FMS und RLS übertragen werden. 


Symptomauswahl des PPS im Vergleich ihres Auftretens bei CFS, FMS, SAS und RLS
Symptom PPS CFS FMS SAS RLS
Erschöpfung pos. pos. pos.   pos.
Muskelschmerzen pos. pos. pos.   pos.
Muskelschwäche pos.   pos.    
Gelenkschmerzen / Knochenschmerzen pos. pos. pos.   pos.
Muskelschwund pos        
Kraftverlust pos.   pos.    
Ausdauerverlust pos.   pos.    
Muskelkrämpfe pos.   pos.    
Muskelzuckungen / Muskelfaserzuckungen pos.   pos.   pos.
Muskelbrennen pos.        
Gleichgewichtsstörungen / Schwindel pos. pos. pos. pos.  
Kälteempfindlichkeit / Temperaturregulationsstörung pos. pos. pos.   pos.
Atemstörungen (Unterbeatmung, Atemstillstände) pos. pos. pos. pos.  
Schlafstörungen pos. pos. pos. pos. pos.
Schluckstörungen pos.   pos.    
Lähmungserscheinungen pos.        
Herz-Kreislauf-Störungen (Herzaktion, Blutdruck) pos. pos. pos. pos.  
Sprechstörungen pos.   pos.    
Konzentrationsstörungen pos. pos. pos. pos. pos.
Gedächtnisstörungen pos. pos. pos. pos. pos.
Sensibilitätsstörungen / Sensorische Störungen pos. pos. pos.   pos.
Kopfschmerzen pos. pos. pos. pos. pos.
Müdigkeit pos.   pos. pos. pos.
Verminderte Belastbarkeit / Leistungsabfall (körperlich/seelisch) pos. pos. pos. pos. pos.
Verlängerter Erholungsbedarf nach Belastung / Krankheit pos. pos. pos.    
Vegetative Störungen pos. pos. pos. pos. pos.

Möglichkeit des gleichzeitigen differenzialdiagnostischen Verdachtes von CFS, FMS, SAS, RLS und PPS
  CFS FMS SAS RLS PPS
CFS   pos. pos. pos. pos.
FMS pos.   pos. pos. pos.
SAS pos. pos.   pos. pos.
RLS pos. pos. pos.   pos.
PPS pos. pos. pos. pos.  

Die äußerst starke Überschneidung der Symptomatik bei den Krankheitsbildern macht die Diagnosen unsicher. Das Fehlen von Symptomen macht eine andere Diagnose nicht sicherer, weil kein Symptom zwingend vorhanden sein muss. Da die Symptome bei den einzelnen Syndromen in unterschiedlicher Zahl und Kombination auftreten können, ist mit wenigen Symptomen eine Abgrenzung mehr als schwierig und selbst bei größerer Zahl von Symptomen nie sicher. Somit ist in vielen Fällen der Verdacht auf ein PPS gegeben.

Dieser Verdacht aber ist aus prophylaktischer und therapeutischer Sicht von entscheidender Bedeutung. Im Gegensatz zu den anderen Erkrankungen handelt es sich beim PPS um einen chronisch unaufhaltsam fortschreitenden Verschleißprozess, der durch vorbeugende Belastungsreduktion unter mobilitätserhaltender wie leistungserhaltender schonender Belastung und durch erholungsfördernde symptomatische Behandlung verlangsamt werden kann. Das gilt für den gesamten muskulären, neuromuskulären und neuroregulativen Bereich, also für Muskeln, Rückenmark und Gehirn. Das gesamte Behandlungskonzept PPS hat somit eine völlig andere Basis zu den hier vergleichsweise symptomatisch betrachteten Syndromen.

Zu beachten ist weiterhin, dass für andere Erkrankungen eingesetzte Medikamente in etlichen Fällen das PPS verschlimmern können und deswegen in der Regel nicht angewandt werden sollten. Auch von leistungssteigernden physiotherapeutischen Bemühungen ist Abstand zu nehmen, da mit ihnen der Funktions- und Strukturabbau beim PPS beschleunigt wird.

Aus diesen Gründen sind die Vermeidung einer Fehldiagnostik und die Fahndung nach dem PPS bei Verdacht auf andere Erkrankungen, insbesondere denen, die gleichfalls Ausschlussdiagnosen sind, unverzichtbar, sofern die betreffenden Patienten sich in ihrem Leben an einer Polio infiziert haben könnten, selbst dann, wenn sie nicht erkrankt waren. Jedes CFS, FMS, SAS und RLS kann ein PVS sein, in infektionsepidemiologisch relevanten Fällen also auch der Polio.


Fazit: Jedes PPS kann sich hinter einem CFS, FMS, SAS und RLS als Diagnose verbergen.